Erziehung - Haben wir alles richtig gemacht?Bearbeitungszeit 21.03.2005 bis 01.05.2005 |
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Kurzreferat |
Heute haben Kinder alle Rechte, Eltern alle Pflichten. Bei der Erziehung reden alle mit: Großeltern, Tanten, Nachbarn - und der Nachwuchs selbst. Früher war es genau umgekehrt. Da gaben die Eltern die Befehle. Damals wussten die Kinder noch, was sich gehört - und Eltern auch. Zu Hause herrschte ein autoritärer Ton, und die Familie galt als geheiligte Institution. Scheidungen waren selten, Frauen bekamen meist mehr als zwei Kinder, keiner sprach vom "Generationenkrieg". Doch dann kamen die Pille, die 68er, das Konzept der antiautoritären Erziehung, die Frauenbewegung und die Globalisierung, und heute ist alles anders - insbesondere für die Eltern. Das beginnt damit, dass sich immer weniger Paare überhaupt für Kinder entscheiden. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts blieben nur zehn Prozent aller Frauen kinderlos. Heute sind es mehr als dreißig Prozent. Und glaubt man den Prognosen, könnten im Jahr 2020 vier von zehn Frauen ohne Kinder bleiben. Da dürfen sich Eltern bald als Randgruppe fühlen. Familien mit drei Kindern sind in Deutschland heute schon die Ausnahme. Eltern wissen, dass man als Großfamilie oft schon als halb asozial angesehen wird. Drei Kinder, wie konnte denn das passieren? Überhaupt bricht die klassische Familiensituation immer mehr auf. Heute bildet bereits etwa jedes zehnte Paar mit Kindern eine Patchwork-Familie - also eine Lebensgemeinschaft, in die ein oder beide Partner Kinder aus früheren Beziehungen mitbringen. Das gab es zwar früher schon, doch damals wurde sie oft geleugnet und verklemmt unter der Decke gehalten. Der Vater lebte mit seiner Geliebten und gemeinsamen und evtl. von der Geliebten mit eingebrachten Kindern. Die "neue Frau" konnte er erst nach dem Tod seiner Ehefrau heiraten. So herrschte damals die "Moral": Ehen waren zerrüttet, wurden aber nicht förmlich aufgelöst; Kinder wurden gezeugt, aber nicht anerkannt. Die elterliche Autorität wurde allenfalls subtil unterlaufen, aber nicht offen infrage gestellt. Die Eltern hielten es mit der Devise: "Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, tust du, was ich sage." Die Kinder indes zogen, sobald sie konnten, ihre Füße unterm Tisch hervor, gingen aus dem Haus und verdienten sich selber ihren Unterhalt - häufig ohne einen Pfennig Unterhalt von zu Hause. So war das damals. Heute ist der Ton der Eltern sanfter - und der Drang der Kinder, das elterliche Nest zu verlassen, entsprechend geringer. Nun hat das "Hotel Mama" Konjunktur. Knapp ein Drittel aller deutschen Eltern mit erwachsenen Kindern lässt mindestens eines von diesen weiter im elterlichen Heim wohnen. Der Umgangston zwischen den Generationen hat sich gewandelt. Die Kinder tragen ihre Meinungen und Wünsche offen, gelegentlich aggressiv, an die Eltern heran und provozieren damit häufig familiären Streit. Die Eltern möchten diese Streitigkeiten gern auf einer Augenhöhe, also gleichberechtigt, mit den Kindern austragen und werden nur noch laut und autoritär, wenn sie dem Nervenzusammenbruch nahe sind. Das sind sie allerdings ziemlich oft. Mit der Autorität ist es anders geworden. Viele Eltern können sich noch allzu gut erinnern, wie sie mit Prügel bestraft wurden. Es ist gar nicht so lange her. In den frühen siebziger Jahren wurde in der alten Bundesrepublik mit antiautoritären Experimenten ein neuer Erziehungsstil erprobt. Trotz mancher Exzesse hat sich das Verhältnis zu den Kindern in jenen Jahren zum Guten gewandelt. Denn antiautoritär bedeutete im Normalfall nicht, jemanden mit Kakao zu bespucken. Es bedeutete, dass Wissen nicht mehr eingebläut wurde. Es bedeutete, dass Eltern ihre Vorbildfunktion erkannten. Dass sie Abstraf-Rituale verabscheuten. Dass Mütter und Väter erkannten, dass Spaß, nicht lästige Pflicht, das Merkmal guter Erziehung sein soll. Wer heute die Folgen dieser Revolution als "Erziehungsnotstand" abtut, hat nicht erlebt, was Erziehung vor 1958 bedeutete, nämlich Erziehung zum Gehorsam. Und was das in diesem Land bedeutete, muss nicht mehr wiederholt werden. Eltern mit mehreren Kindern haben nur noch wenig Zeit füreinander. Die Großeltern überwintern lieber auf den Kanaren, als die Enkelchen an Weihnachten zu sich zu nehmen. Sie passen vielleicht mal auf ein oder zwei, äußerst selten auf drei Kinder auf. Rat geben sie gern, auch ungefragt, entlastende Tat nicht so gern, schon gar nicht unangefragt. Den deutschen Mitbürgern mangelt es oft nicht nur an Humor, sondern sie erziehen auch gern mit. Dagegen müssen sich Eltern wappnen. Einem angehenden Vater wurde noch vor der Geburt des ersten Kindes der unvergessliche Rat gegeben: "Alle mischen sich ein, alle wissen es besser. Es gibt Dutzende von Erziehungsratgebern, alle widersprechen sich. Es ist egal, wie Sie Ihre Kinder erziehen, Hauptsache, Sie machen es mit Selbstvertrauen." Mit der professionellen Kindererziehung in Krippen, Kindergärten und Schulhorten, die für die Förderung des Sozialverhaltens der Kinder wichtig wäre, liegt es, insbesondere in den alten Bundesländern, noch im Argen. Berufstätigkeit, auch Teilzeitarbeit, beider Elterteile ist oft nicht möglich. Die Öffnungszeiten, die Kosten und auch das Steuerrecht zementieren die klassische Aufgabenverteilung: Der Vater bringt das Brot nach Hause, die Mutter steht am Herd. Da besteht in Deutschland noch gewaltiger Nachholbedarf: Während in Dänemark beinahe die Hälfte aller Kinder unter drei Jahren in Horten, Tagesstätten und ähnlichen Einrichtungen betreut wird, sind es in den alten Bundesländern Deutschlands weniger als vier Prozent (Stand 2002). Offenbar können sich vor allem zwei Gruppen in Deutschland Kinder leisten: Sozialhilfeempfänger und Besserverdienende. Leute dagegen mit durchschnittlichem Einkommen, die gerade soviel verdienen, dass sie den Höchstsatz im Kindergarten entrichten müssen - fast 400 Euro monatlich, auch in den Schulferien, wenn der Kindergarten geschlossen ist -, diese tragende Mitte kann es sich kaum mehr leisten. Schließlich kostet ein Kind bis zum 18.Lebensjahr rund 150.000 Euro. Wer sich also gegen ein Kind entscheidet, entscheidet sich, rein finanziell gesehen, richtig. Allerdings lassen sich die Erfahrungen und Freuden des Elternseins auch mit allem Geld der Welt nicht aufwiegen. Quelle: DIE ZEIT v. 11.12.2003 |