Die Eingewanderten
                                    von Anne Pöttgen
“Toleranz in einer grenzenlosen Welt“ ist der Untertitel des erfolgreichen Buches des Niederländers Paul Scheffer. Er schärft den Blick für historische Zusammenhänge, insbesondere der Kolonialvergangenheit der Europäer.
Paul Scheffer
Illustration

Paul Scheffer beschäftigt sich seit Langem mit den Fragen von Migration und Integration, mit den Gastarbeitern, den Aussiedlern, den politisch Verfolgten und ihren Nachkommen. Mit seinem Essay „Das multikulturelle Drama“ hatte er im Jahre 2000 in den Niederlanden eine längst überfällige Debatte ausgelöst. So spricht er klar aus, dass Migrationsbewegungen unvermeidlich zu Spannungen führen. Die Idee des Multikulturalismus hat lange versucht, darüber hinweg zu täuschen. Diese Täuschung nimmt ein Ende, wenn die Immigration einen Umfang erreicht wie in den meisten westeuropäischen Ländern.
Die Frage der Religion spielt bei Scheffer eine wichtige Rolle, dem Islam ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Sowohl den Einheimischen wie auch den Ankommenden wirft er Scheinheiligkeit vor: Religionsfreiheit wird gefordert aber Religionskritik abgelehnt.
Die Rezensenten sind sich einig: Lösungen bietet Scheffer nicht - daran haben wir alle zu arbeiten.

Migranten
“Migranten ziehen vielfach in Länder, die sie zu verachten gelernt haben und denen sie, etwa als vormaligen Kolonialmächten, auch die Not anlasten, die sie zum Aufbruch gezwungen hat.“ (Die Welt, 13.9.08, Wolfgang Schneider) Diese Einstellung steht einer Integration entgegen. Die ethnische Konzentration in eigenen Wohngebieten und die schulische Benachteiligung der Kinder durch oft mangelhafte Beherrschung der neuen Landessprache verhindern qualifizierte Bildung und Beschäftigung der nächsten Generation.
Sich gegenüber diesen Problemen taub und blind zu stellen, das funktioniert häufig nicht mehr: In Städten wie Amsterdam besteht inzwischen die Hälfte der Bevölkerung aus Migranten und ihren Kindern, so heißt es bei Scheffer.
Aber - auch für Migranten gilt der Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Alle Menschen sind frei und gleich geboren.

Alteingesessene
Die Haltung der „Alteingesessenen“ gegenüber den Neuen ist höchst zwiespältig:
„Die Mittelschicht empfindet die Gettobildung von vor allem gering qualifizierten Migranten in den schlechteren Vierteln als Bedrohung, sieht aber zugleich auch eine Bedrohung in der Mischung in den Schulen und in den Wohnvierteln“, so Paul Scheffer.
Scheffer nimmt die Befindlichkeiten beider Gruppen ernst. Kritik übt er an beiden. Für alle bedeutet die Immigration einer großen Anzahl Fremder Stress. Die Migranten haben ihre Heimat und vielfach ihre Familie verloren, aber auch für die Einheimischen verändert sich ihre vertraute Welt. Wenn man in den öffentlichen Verkehrsmitteln kein Wort seiner Muttersprache hört, wenn die Kleidung sowohl der Frauen als auch der Männer fremd anmutet, dann bedarf es wirklich einiger Toleranz, um dies gut oder auch nur erträglich zu finden. Scheffer fordert mehr als Toleranz, er fordert ehrliches Interesse am anderen und eine wirkliche Gleichbehandlung.

Links
Ausführliche Rezension in der Frankfurter Allgemeinen vom13.12.2008, Stefan Luft
Ausführliche Rezension in der Welt vom 13.09.08, Wolfgang Schneider
dradio – Literatur Interview mit dem Kritiker Marcus Weber als podcast


Die Eingewanderten, Carl Hanser Verlag, München, 2008, Seitenzahl 536, Preis 24,90 Euro
     
 
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