Engagement im Wohnstift
                            von Hildegard Neuffeld
Ältere Menschen sind bekanntlich gern für ihre Kinder und Enkel da, aber auch für ihre Freunde und Nachbarn. Das ändert sich, wenn sie sich in eine 'Betreute Einrichtung' begeben. Engagieren sie sich dennoch weiterhin und vielleicht anders?

Im neuen Zuhause

Als ich mich im fortgeschrittenen Alter von achtzig Jahren entschied, meinen Lebensabend in einem Wohnstift zu verbringen, um im Krankheits- und Pflegefalle abgesichert und versorgt zu sein, verabschiedete ich mich von den meisten meiner bisherigen Aktivitäten. Von jetzt an war Ruhestand angesagt, so hatte ich beschlossen, um fortan fast ausschließlich meinen eigenen Interessen zu leben.
In meinem Umzugsgepäck hatten allerdings noch einige Rest-Aktivitäten aus meinem bisherigen Leben Platz genommen, die auf Wiederbelebung und Fortsetzung drängten. Schließlich wollte auch mein Computer nicht ganz arbeitslos werden. Der totale Ruhestand musste deshalb noch ein wenig warten.

Das neue Miteinander

Schnell fügte ich mich in das Gemeinschaftsleben in meinem neuen Zuhause, dem Kurstift in Bad Homburg, ein. Die freundlichen und hilfsbereiten Mitbewohner erleichterten mir das Eingewöhnen, und besonders meine Tischnachbarn gaben mir nützliche Hinweise und Ratschläge für mein neues Leben im Heim.
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Das Kurstift Bad Homburg

Bald aber beobachtete ich, dass das Miteinander der Bewohner sich nicht nur auf Höflichkeit, Freundlichkeit und Entgegenkommen beschränkte. Hier und da sah ich etwas behinderte und gesundheitlich beeinträchtigte Mitbewohner am täglichen Mittagstisch. Wie selbstverständlich, gingen ihnen ihre Tischnachbarn unterstützend zur Hand, wenn sie beispielsweise Schwierigkeiten bei der Auswahl oder Bestellung der Speisen oder beim Platznehmen und Aufstehen hatten. Eine tägliche Routine der Tischnachbarn, die den Betroffenen ermöglichte, am gemeinsamen Mittagessen teilzunehmen.

Füreinander
Ein Heim, das auf ein Miteinander ausgerichtet ist, bietet auch Chancen für ein Füreinander, ganz gleich, welche Wege dazu eingeschlagen und wie sie ergriffen werden.
Im Kurstift sind viele „stille Helfer" am Werke, die „öffentlich" gar nicht in Erscheinung treten. Vor manchen Türen liegt allmorgendlich die Tageszeitung. Fürsorgliche  Bewohner, die nicht selten auch Einkäufe und andere Besorgungen übernehmen, haben sie ihren Nachbarn mitgebracht.
Im Kurstift hat das Füreinander Tradition und sich im Laufe der Zeit zunehmend zu einem Engagement von Mitbewohnern entwickelt. Viele der hier stattfindenden Veranstaltungen werden von engagierten Bewohnern aus eigener Initiative angeboten und auch eigenverantwortlich und entgeltfrei durchgeführt. Einige Beispiele.

Filme, Lesungen, Ratespiele
Allmonatlich finden sich interessierte Kurstiftbewohner abends im Speisesaal zusammen, um die schönen Videofilme eines Pastorenehepaares anzuschauen. Die Aufnahmen sind auf den Urlaubsreisen der Pastorenfamilie, denen sich oft auch Freunde zugesellten, entstanden. Anschließend sind sie von ihnen professionell bearbeitet und mit Texten und Musik versehen worden. Natürlich finden diese Filmvorführungen, die bereits seit mehr als fünf Jahren  regelmäßig im Kurstift stattfinden, großen Anklang.
Das rührige Pastorenehepaar hält aber noch weitere unterhaltende, wissenswerte und auch motivierende Angebote für ihre Mitbewohner bereit. In verschiedenen Lesungen werden auch eigene Texte und Gedichte des engagierten Pastors vorgetragen. Die Ratespiele locken manchen Mitbewohner aus der Reserve und regen zum Mitdenken und Mitmachen ein. Ein Motiv, das die beiden erfahrenen Pädagogen mit ihrer Initiative im Kurstift tatkräftig und erfolgreich umsetzen.

Musik und Gesang

„Singe, wem Gesang gegeben...", schrieb Ludwig Uhland 1813 in einem Gedicht. Auch in unserem Kurstift wird gesungen, besonders, wenn festliche Veranstaltungen dazu einladen. Sangesfreudige und -geübte Kurstiftbewohner haben sich hier zu einem Hauschor zusammen gefunden und erfreuen vor allem diejenigen, die an den gemeinsamen Veranstaltungen nicht, oder nicht mehr teilnehmen können. Die Leiterin des  Singkreises ist eine Kurstiftbewohnerin, und auch die Klavierbegleitung übernimmt eine ebenso engagierte Mitbewohnerin.
Die in den Räumen des Kurstifts stattfindenden festlichen und musikalischen Veranstaltungen werden oftmals unterstützt und teils auch verantwortlich bestritten durch zwei besonders talentierte Bewohner: einer Sopranistin und einem Pianisten. Ihr Können, aber auch ihr Engagement für ihre Mitbewohner sind eine Bereicherung für unser Kurstift.

Vorträge und Diskussionen

Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen im Kurstift sind auf die Interessen der Bewohner abgestimmt. Viele von ihnen haben in weit entfernten Orten und Städten gelebt, bevor sie nach Bad Homburg kamen.
Die „Homburger Runde", eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, inszeniert und getragen von vier Bewohnerinnen, will interessierte Mitbewohner mit unserer Kurstadt und ihrer näheren Umgebung vertraut machen und sie unter anderem auch über Wissenswertes in ihrer neuen Heimat informieren. Damit soll ihnen die Eingewöhnung erleichtert werden. Aber auch die informierende Begleitung bei Ausflugsfahrten in die Umgebung und eine Führung und Begleitung bei regelmäßigen Spaziergängen und kleinen Wanderungen gehört zu den Initiativen der „Homburger Runde".
Vor kurzem wurde eine weitere Vortrags- und Diskussionsreihe, diesmal zu aktuellen Themen, aus der Taufe gehoben. Hier haben zwei Bewohnerinnen die Moderation und Diskussionsleitung übernommen.

Künstlerisches Gestalten
„Bildhauerei birgt eine besondere Faszination, die es ermöglicht, aus einem 'groben Stein' etwas Wohlgeformtes, Ansprechendes entstehen zu lassen." Mit diesen Worten stimmt eine versierte Bildhauerin ihre Mitbewohner im Kurstift auf ihr Kursangebot „Künstlerisches Gestalten mit Speckstein" ein. Im Kreativraum des Kurstifts nehmen die ersten 'groben Steine' mit Hilfe ihrer Anleitung bald die vorgesehenen Formen an und entwickeln sich dann weiter hin zum erstrebten Ziel.
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Das Kurstift Bad Homburg

Ähnlich verläuft ein weiteres Engagement der zielstrebigen Bildhauerin, das Tiffany-Projekt. Hier geht es um künstlerisches Gestalten mit dem Ziel, Tiffany-Produkte nach eigenen Vorstellungen fertigen zu können. Und auch dieses gelingt, denn Rat und Hilfe, aber auch benötigter Zuspruch sind hier immer zur Hand - sozusagen „frei Haus".

Zusammenfassung
Ein gesellschaftliches Engagement bringt jedem etwas und zwar dem, der Hilfe leistet und dem, der diese Hilfe annimmt - das hat sich schon lange herum gesprochen.
Wie aber verhält es sich mit den kleinen und größeren Hilfeleistungen im Kurstift, in dem man ja nicht nur wohnt, sondern zugleich auch zu Hause ist. Zugreifen, einander beistehen oder auch helfen, das ist doch wie innerhalb einer jeden Familie ganz selbstverständlich und bedarf keiner Überlegung und noch weniger einer Bewertung.
Anders sehe ich die hier aufgezeigten Initiativen der Kurstiftbewohner, sei es im Rahmen von Bildung, Kunst und Kultur, in Form von Lichtbild- und Vortragsveranstaltungen oder  der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten. Hier engagieren sich die Bewohner gezielt füreinander, aber zugleich auch für ihr Kurstift. Mit ihrem Engagement leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Lebensqualität.
 

 
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