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Neue Heimat deutscher Auswanderer
                                    von Hildegard Neufeld
Das Wort Heimat verweist auf eine Beziehung zwischen Menschen und Raum, lautet eine Definition von Wikipedia. Doch Beziehungen verändern sich und ebenso die Räume, die Orte und Länder, in denen wir leben. Welchen Ort empfinden Auswanderer als ihre Heimat?

Eine zweite, bessere Heimat

Der Historiker und Friedenspreisträger Fritz Stern, im Jahre 1938 als jüdisches Kind im Alter von 12 Jahren mit seinen Eltern in die USA ausgewandert, berichtet in seinen „Erinnerungen - Fünf Deutschland und ein Leben" (2006) über seinen ersten Besuch in seiner Geburtsstadt Breslau im Jahre 1979. Breslau war durch den Krieg stark zerstört worden und gehörte nun unter dem Namen Wroclaw zu Polen.
„Eine Heimkehr war es gerade nicht", schreibt Fritz Stern in einem Rückblick, und fügt hinzu: „Ich war aus tiefster Neugier nach Wroclaw gefahren; mir war, glaube ich, damals nicht klar, dass meine Reise eigentlich eine Sache war, bei der ich mich aus irgendeinem Grund davon überzeugen musste, dass mein Elternhaus zerstört war und das Land meiner Geburt nicht mehr existierte. Mein Verlustgefühl war überlagert von einer alles beherrschenden Dankbarkeit dafür, dass ich in den Vereinigten Staaten eine zweite, bessere Heimat gefunden hatte".

Heimat ist mehr als ein Ort
Wie anfangs bereits ausgeführt, verweist das Wort „Heimat" auf eine Beziehung zwischen Menschen und Raum. In einer TV-Sendung mit dem Titel „Mein Leben", die am 9.11. 2008  von Phoenix ausgestrahlt wurde, berichtete der Historiker Fritz Stern unter anderem auch über sein Zuhause, das er nach seiner frühen Emigration in New York gefunden hat. „Meine Eltern hatten noch ein Vaterland - ich hatte keins", bemerkte Fritz Stern im Laufe des Gesprächs, und fügte hinzu: „Meine Muttersprache ist deutsch, aber ich habe kein Vaterland". Auf seine Heimat, auf sein Zuhause angesprochen, entgegnete er, dass ihm das Gefühl des Verwurzeltseins abhandengekommen sei, und fügte hinzu: „Wenn ich mich in New York zu Hause fühle, so wird mir dies eher durch meine Familie, Kinder und Enkel vermittelt als durch den Ort".

Neue Heimat in Uruguay
In einem Bericht über die Auswanderung deutscher mennonitischer Ostflüchtlinge nach Uruguay in dieser LernCafé-Ausgabe wird unter anderem auch über ein Buch mit dem Titel „Neue Heimat in Uruguay" hingewiesen. Der Autor, selbst einer der Einwanderer, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Uruguay ansiedelten, schließt seine ausführliche Dokumentation mit der Feststellung: „Uruguay ist einer Gruppe heimatloser Flüchtlinge und deren Nachkommen zu einer neuen Heimat geworden".

Mein Weg von Ost nach West
Eine Auswanderin im eigentlichen Sinne bin ich nicht, denn ich verließ meine Heimat im Kriegswinter 1945 nicht aus eigener Initiative, sondern, weil unser hart umkämpftes, nur noch wenige Quadratkilometer umfassendes, unbesetztes Land an der Danziger Weichselmündung von der Zivilbevölkerung geräumt werden musste. Und ich hatte auch kein Ziel, ohne das eine Auswanderung in der Regel gar nicht erfolgen kann. Zusammen mit einigen Tausend Flüchtlingen und Verwundeten erreichte ich mit einem Schiffstransport über die Ostsee Dänemark.
Bei Kriegsschluss wurden alle in Dänemark befindlichen deutschen Flüchtlinge interniert und in streng bewachten, umzäunten Internierungslagern festgehalten, bis sich eine Ausreisemöglichkeit ergab. Diese war von einer Einreisegenehmigung der Alliierten Besatzungsmächte in Deutschland abhängig. Nach 2 ½ Jahren Internierung erhielt ich die Einreiseerlaubnis in die Sowjetische Besatzungszone und war nun frei - wenn vorerst auch noch heimatlos.

Meine neue Heimat
Jahre vergingen. Wieder wanderte ich von Ost nach West, wenn jetzt auch auf eigenen Füßen und mit festen Zukunftsvorstellungen im Gepäck. Nach neun Jahren erreichte ich mein Ziel: den erstrebten Beruf und ein neues Zuhause. -
Denke ich heute an das Land meiner Kindheit, das einst meine Heimat war, zurück, dann verbinden sich meine Gedanken mit einem Wiedersehen - zwanzig Jahre nach dem Krieg. Es war nicht mehr Deutschland und es war nicht mehr „mein Land", in das ich nun als Gast zurückkehrte, und das Haus meiner Väter, das ich zögernd betrat, war nicht mehr mein Zuhause. Ob Wehmut, ob Trauer mich erfüllten, als ich es wiedersah nach so langer Zeit - ich weiß es nicht mehr, denn ich hatte ja inzwischen eine neue Heimat, ein neues Zuhause gefunden. Diese Heimat wurde vor mehr als fünf Jahrzehnten eine schmucke Kurstadt am Rande des Taunus, und sie wird es bleiben.

Heimat der andern
An das Land meiner Kindheit und Jugend, an Danzig, denke ich nur noch zuweilen zurück, wenn ich im Bilderbuch der Vergangenheit blättere, was immer seltener geschieht. Vielleicht werde ich eines Tages wieder zurückkehren, als Gast und für kurze Zeit, und ich werde wieder durch altbekannte Straßen gehen, Häuser anschauen und an Plätzen verweilen, die schön und liebenswert neu erstanden sind. Vieles ist vertraut und doch zugleich fremd geworden. Eine neue Zeit, eine neue Jugend, neue Generationen haben Besitz ergriffen von den Stätten meiner Erinnerung und sie mit ihrem Leben erfüllt. Und diese sind - nicht anders als einst ich - hier geboren und aufgewachsen und haben hier ihre Heimat, die nun Gdansk und Polen, und nicht mehr Danzig oder Deutschland heißt, gefunden.

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