ZAWiW going East - Reise nach Kursk

27. Mai - 7. Juni 2004

Weiterführende Informationen

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"Das Deutschlandbild der Russen"
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"Die Schlacht um den Kursker Bogen"
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"Das Haus des Wissens"
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"Das Leben hinterlässt Spuren"
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9 jung gebliebene Senioren-Studenten des ZAWiW der Universität Ulm bei Gleichgesinnten in Kursk (Russische Föderation) - Impressionen einer Jungfernreise der besonderen Art ins Europa jenseits der EU

Von Gerd Platow

Vorbemerkungen

Das ZAWiW in Ulm ist eine besonders gelungene Reaktion auf die allerorts wachsende Nachfrage nach einer allgemeinen, disziplinübergreifenden Weiterbildung für Erwachsene jeden Alters, insbesondere jedoch für Menschen im dritten Lebensalter. Forschendes Lernen beschreibt Anliegen und Tätigkeit dieser Senioren-Studenten auf geeignete Weise, und da Abstraktion nicht in allen Bereichen des Lebens die Mutter der Erkenntnis ist, ist Forschendes Reisen eine zwingende Ergänzung.

Kursk

Unter beiden Aspekten haben Senioren-Studenten des Ulmer ZAWiW und ebensolche vom „Haus des Wissens” in Kursk (Russische Föderation, etwa 530 km südlich von Moskau) sich Ende Mai 2004 für 8 Tage in Kursk getroffen, um früher geschmiedete Rohgedanken ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Leiterinnen zu realisieren. Ergänzung, Vertiefung und Nachhaltigkeit der Arbeitsergebnisse, die sowohl in persönlichem Erkenntnis– und Erfahrungsgewinn bestehen, als auch ihren Ausdruck in künftig aktiveren Entwickeln und Wahrnehmen gesellschaftlicher und politischer werden beim Gegenbesuch der Kursker Gastgeber erreicht.

Absicht/Ziel

Neben den allgemeinen Reisezielen, die per se jeder Reise in eine bisher weitgehend unbekannte Welt innewohnen und die hier nicht extra genannt werden müssen, stand die Durchführung eines gemeinsamen internationalen Seminars unter dem Motto „Dialog europäischer Kulturen” auf dem Programm.

Damit folgten wir dem Vorschlag unserer Gastgeber, die zweifelsfrei mit uns „ihr Rußland als einen ureigenen Teil Europas„ auf einem eher unproblematischen Terrain darstellen bzw. diskutieren wollten. In der Vorbereitungsphase hatten wir erwogen, für das sich gegenwärtig entscheidend und sehr komplex weiterentwickelnde Europa auch in schwierigeren Teilbereichen (z.B. Art und Einfluß der jeweiligen Massenmedien auf die politische Willensbildung zum Thema Europa) gemeinsame Lösungsbeiträge zu suchen. Angesichts unserer eben erst beginnenden Partnerschaft war die angeführte Beschränkung jedoch nachvollziehbar und sinnvoll.

Verlauf

Anreise per Flugzeug nach Moskau. Hier 2 1/2 Tage „Tourismus pur” – bereits unter Führung einer perfekt deutsch sprechenden Dozentin des Kursker „Haus des Wissens” (Natalia Anikina). Sie hat uns die ganze Zeit über unter Hintanstellung aller ihrer sonstigen Aufgaben und Mißachtung ihrer persönlichen Belastungen in unnachahmlich fürsorglicher Weise betreut.

Ca. 530 km Nachtfahrt im Zug nach Kursk, die uns allen wie selbstverständlich und trotz ausgeprägter Einfachheit auf sympathische Weise bewußt machte, daß in Rußland vieles, wenn nicht alles, anders ist als bei uns.


Unser Senior Heinz rollt nächtens dem „Abenteuer Kursk” entgegen

8 Tage Leben bei und mit Familien in Kursk, tägliches Treffen im „Haus des Wissens” mit Seminararbeit, gefolgt von praktischen Übungen zur „kollektiven Horizonterweiterung auf sehr hohem Niveau” auf den Gebieten Freundschaft, Kultur und Tradition, Lokalpolitik, akademisches Leben und Folklore (Aufzählung ohne Anspruch auf Vollzähligkeit).

Im Kernreferat der russischen Seite zum Seminarthema „Dialog europäischer Kulturen” arbeitete eine Philosophieprofessorin schwerpunktmäßig Rußlands elementaren Beitrag in Philosophie und Literatur zu den kulturellen Wurzeln Europas heraus und verwies insbesondere auf Schnittmengen bzw. Nähe zu Schopenhauer, Schlegel, Fichte und Nietzsche, um schließlich aus dieser Ebene heraus die Frage zu stellen, warum Deutsche und Russen so oft Feinde gewesen seien. Ihre persönliche Antwort verpackte die Professorin vereinfachend in die bedauernde Anmerkung, daß „der amerikanische Kultureinfluß auf Deutschland und überhaupt in der Welt wohl zu groß” sei. Eine andere Professorin betrachtete in einer ähnlichen Rückschau die Leistungen und Beiträge russischer Komponisten und Dichter zur europäischen Kultur.

Wir versuchten in unseren Beiträgen verstärkt, die gegenwärtige und sich für die Zukunft abzeichnende Entwicklung der EU unter Beachtung des historischen Fundamentes darzustellen, wobei insbesondere im Kernreferat unserer Leiterin schlüssig eine – trotz der bekannten Vielfalt – europäische Identität erkennbar wurde, die sich auf ein Europa als Wertegemeinschaft abstützt. Wir konnten aufzeigen, daß das grundlegende europäische Wertegefüge, wie parlamentarische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte, Achtung von Minderheiten, Toleranzprinzip in der EU Verfassungsrang erhalten wird. Des weiteren brachten wir in die Diskussion ein, daß uns für unser heutiges Europa auch der Artikel 13 des EG Vertrages von besonderer Bedeutung ist, der Maßnahmen zur Bekämpfung von Diskriminierungen aus Gründen des Geschlechts, der Rasse, der ethnischen Herkunft, der Religion oder Weltanschauung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung. Natürlich wurde die EU als Wirtschaftsgemeinschaft genannt. In der Diskussion wurde deutlich, daß unsere russischen Partner ihr großes Land uneingeschränkt als elementaren Bestandteil Europas sehen und auf Bildung sowie kulturellen Hintergrund von Bürgern verweisend „auch im fernsten Osten” keine Einschränkung hierzu erkennen.

Die „praktischen” Seminarpunkte können keineswegs als Beiprogramm bezeichnet werden, sondern bereicherten und überwältigten uns täglich aufs neue durch ihre wunderschönen und qualitativ hochstehenden Besonderheiten.

Beispielsweise das Kloster Korennaja Pustyn, weltweit für die Russisch-Orthodoxen Christen ein Ort zentraler Bedeutung, auf das unsere Gastgeber zu recht besonders stolz sind. Dessen Quellen spenden heiliges Wasser, das neben allgemeiner Gesundheit jugendliche Schönheit schenkt. Ob kollektiv Gen-bedingt, ob abhängig von Dauer und Menge der Einnahme, mit Erreichen des Heimatflughafens blieb uns Deutschen schließlich nur die Weisheit als Schönheit des Alter.. Oder wir erwähnen informative und beiderseits aufschlußreiche Besuche bei Bürgermeistern der Städte Kursk und Rylsk, die Teilnahme an einer akademischen Feier, Stadtrundfahrt mit einer 100 Jahre alten Straßenbahn, Besuch eines regionalen Waisenhauses u.v.a.m.

Erfahrungen/Bewertung

Alles wahr, aber nicht immer ganz ernst gemeint; die Aufzählung stellt keine Priorisierung dar

  • Die Reise war jeden Aufwand und jede Mühe wert. Wir sind alle im immateriellen Sinne sehr bereichert zurückgekommen.
  • Die Sprachbarriere war infolge stets verfügbarer Dolmetscher und der Basis- Deutschkenntnisse unserer Gastgeber quasi nicht existent.
  • Der grenzüberschreitende Informations- und Gedankenaustausch ist  beiderseits steigerungsfähig. Bei Diskussionen internationalen Charakters, insbesondere auf dem Gebiet der Politik, zeigte sich wiederholt, daß unsere Partner Sachverhalte zwar wachsam begleiten, aber inhaltlich nicht immer scharf zu definieren bzw. zu trennen vermögen (Beispiele: Europa = EU; im Irak führe die NATO unter amerikanischer Führung Krieg; neue NATO – Mitgliedschaften rührten aus zweifelhaftem Werben der NATO her und nicht aus freier Interessenentscheidung souveräner Staaten. Als Ursache sehen wir teils „altes Denken”, teils Informationsdefizite.
  • Insgesamt scheinen die politische und staatsbürgerliche Mündigkeit des Bürgers (noch?) einem anderen Verständnis zu unterliegen als bei uns. Die sprichwörtliche Großherzigkeit und ehrliche Gastfreundschaft der Russen ist noch viel großartiger als ihr Ruf.
  • Die zahlreichen und unverzichtbaren (!) Trinksprüche (Toast) bei jedem Essen sind keine Pflichtübung, sondern üben einen eigenen positiven Zauber auf jede Tischgesellschaft aus (nur ganz marginal abhängig vom Wodkaverbrauch).
  • Fallweise haben deutsche Gäste – auch ohne mentale oder materielle Vorbereitung – ihr Land beim täglichen Frühsport zu vertreten.
  • Junge Studenten gingen von sich aus auf uns zu und suchten das Gespräch.
  • Der vorherrschende Lebensstandard ist sehr stark eingeschränkt, extreme Ausnahmen (Reichtum) sind deutlich sichtbar. Die Perestroika wird verbreitet und unabhängig vom Intellekt als Ursache vieler materieller übel hingestellt.
  • Es scheint, daß für Kinder wesentlich besser gesorgt wird als für Menschen jenseits der Arbeitsfähigkeit.
  • Es gibt unzählig viele schöne Menschen in Kursk, vornehmliche weibliche.
  • Zebrastreifen gibt es zahlreich, sie werden auch vorrangig begangen, üben jedoch absolut keinen Einfluß auf Autofahrer aus.
  • Es gibt – leider – unendlich viele lange und sehr hohe häßliche Betonmauern vornehmlich um privates gegenwärtiges oder vor Baubeginn stehendes Eigentum. Schutz vor Delikten scheint der Grund hierfür zu sein.

Unser Senior Gerd als belebendes Element
im Frühsportzirkel von 15 russischen Seniorinnen

Ausblick

Ein Ausblick läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Wir freuen uns unheimlich auf den Gegenbesuch unserer neuen Freunde und werden alle unsere Kräfte einsetzen (müssen), um deren Gastfreundschaft erwidern zu können. Der begonnene Dialog geht in seiner Bedeutung durch Bewußtseinssteigerung und Multiplikatorenwirkung dauerhaft weit über den persönlichen Bereich hinaus.