Ausgabe Nr. 36                         Online-Journal zur allgemeinen Weiterbildung älterer Erwachsener
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Erinnern und Versöhnen
Die Kirche und die Verfehlungen in ihrer Vergangenheit

                                                                    von Clemens Thelen

Das Jahr 2000

Seit 2000 Jahren sprechen Christen Gott als ihren Vater an und bitten ihn: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind" (Lk 11,4). „Wer ist mehr zu diesem Schuldbekenntnis im Namen der katholischen Kirche ermächtigt als der Bischof von Rom, der Nachfolger Petri, dem Christus im Abendmahlssaal Verleugnung und Umkehr vorausgesagt hatte?“ heißt es im Vorwort  einer wissenschaftlichen Studie  „Erinnern und Versöhnen“ der Glaubenskongregation des Vatikans (Internationale Theologische Kommission). Am Aschermittwoch des Jahres 2000 hat Papst Johannes Paul II. öffentlich um Vergebung gebeten für die Schuld ihrer „Söhne und Töchter“.

Im Auftrag des Vorsitzenden der Internationalen Theologischen Kommission, des Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Kardinal Ratzinger, wurde der Text veröffentlicht und den Lesern in deutscher Sprache vorgestellt.

Weg der Kirche
Zum Weg der Kirche gehöre auch das Bekenntnis zur Erneuerung und die Bitte um Vergebung („ecclesia semper reformanda“). Die Kirche gewinne damit an Glaubwürdigkeit vor Gott und den Menschen. Sie diene der Einheit der Menschen unterschiedlicher Kulturen, Religionsrichtungen und Weltanschauungen, wenn sie um Vergebung bittet für das Übel, das in der Vergangenheit von „Gliedern der Kirche“ und gerade auch von ihren „Repräsentanten“ den Menschen anderer Gemeinschaften zugefügt worden ist. Dadurch soll die Möglichkeit der Versöhnung eröffnet werden. Nicht gemeint ist damit ein „Reinwaschen“, das auf ein Verdrängen oder bloßes Vergessen von Schuld hinausläuft und einen endgültigen Schlussstrich unter die Vergangenheit setzen will. Ziel ist eine "versöhnte Erinnerung" an die Wunden, die man sich in der Vergangenheit zugefügt hat.
(Zitat aus dem Vorwort des Herausgebers).


Erinnern
Mit der Formulierung "Reinigung des Gedächtnisses", beschreibt man eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen, von der Sünde entstellten Vergangenheit der Gemeinschaft, der man angehört. Dadurch soll die Möglichkeit der Versöhnung eröffnet werden. „Nicht gemeint ist damit ein Sich-Reinwaschen, das auf ein Verdrängen oder bloßes Vergessen von Schuld hinausläuft und einen endgültigen Schlußstrich unter die Vergangenheit setzen will.“  Ziel sei eine "versöhnte Erinnerung" an die „Wunden, die man sich in der Vergangenheit zugefügt hat“. (Zitat aus dem Vorwort des Herausgebers).


Kanon der Kritik
In einem „Kanon der Kritik“ werden zahlreiche Themen angesprochen, mit denen sich die Kirche selbstkritisch auseinandersetzt, wenngleich sie nicht für alle geschichtlichen Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht werden will:
Kreuzzüge, Inquisition, Hexenwahn, Wissenschaftsfeindlichkeit, Intoleranz,
ausbeuterischen Umgang des Menschen mit der Schöpfung, Sexualfeindlichkeit,
Behinderung der Emanzipation der Frau u.a.  
Genau genommen reduziert sich der "Kanon der Kritik" auf die Epoche der
abendländischen Christenheit, das so genannte "Mittelalter", als Kirche und weltliche Gesellschaft fast ununterscheidbar miteinander verflochten waren.


Versöhnung
„Papst Johannes Paul II. wagt als Repräsentant der universalen Kirche diesen Schritt im Dienst an der geschichtlichen Wahrheit, wenn er um Vergebung bittet für Sünden und Fehlleistungen der Kirche und ihrer Glieder in der Vergangenheit. Die Kirche lässt sich führen von Christus, der nicht gekommen ist, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen, der seinen Jüngern mit dem Dienst der Fußwaschung ein Beispiel der Demut geschenkt hat“. Die kritische Überprüfung der Vergangenheit und die Bitte um Vergebung hat als Ziel die Versöhnung unter den Menschen, die heute diesen Gemeinschaften angehören. (Zitat aus dem Vorwort des Herausgebers).


Schuldbekenntnis
Bei dem Text der Kommission handelt es sich nicht um das „offizielle Schuldbekenntnis der Kirche“, das vom Papst am Aschermittwoch persönlich vorgetragen und das von ihm als Vertreter der universalen Kirche verantwortet wird. Es ist aber auch keine „kirchengeschichtliche Spezialuntersuchung“ zum Thema "Kirche und Schuld in der Vergangenheit". Es ist eine Art „Interpretationshilfe“, welche Sinn und Tragweite dieser in der bisherigen Kirchengeschichte einmaligen „Liturgie der Buße und der Vergebungsbitte“ erschließen und nachvollziehen lassen, „die der Heilige Vater zu Beginn der Österlichen Bußzeit des Heiligen Jahres 2000 mit der ganzen Kirche und in ihrem Namen“ feiern wollte.


Kommission

Die Internationale Theologische Kommission hatte den Auftrag erhalten, mit einer wissenschaftlichen Studie diesen „Akt der Vergebungsbitte“ vorzubereiten und in seinem tieferen Sinn zu erläutern.

Der Inhalt ist gegliedert:
1.
Kap. SCHULDBEKENNTNISSE IN VERGANGENHEIT UND GEGENWART

2. Kap. HEILIGES GOTTESVOLK UND SCHULD

3. Kap. SYSTEMATISCHE DARSTELLUNG

4. Kap. HISTORISCHE UND THEOLOGISCHE BEURTEILUNG

5. Kap. MORALISCHE BEWERTUNG

6. Kap. PASTORALE UND MISSIONARISCHE PERSPEKTIVEN

7. Kap. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

Link
http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/cti
_documents/rc_co_cfaith_doc_20000307_memory-reconc-itc_ge.html

Internationale Theologische Kommission, Leitung von Prof. Dr. Bruno Forte (Neapel), 2000  Herausgeber des Vorwortes ist Bischof Prof Dr. Gerhard Ludwig Müller

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