Ausgabe Nr. 36                         Online-Journal zur allgemeinen Weiterbildung älterer Erwachsener
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Zeitzeugen
Vergessene Bräuche

                                                                    von Hildegard Neufeld

Wissen und Erfahrung

Stirbt ein alter Mensch, verbrennt eine ganze Bibliothek“ lautet ein afrikanisches Sprichwort. Diese Erkenntnis ist heute nur noch begrenzt gültig, denn Wissen und Erfahrung, einst überwiegend auf örtliche Bereiche begrenzt, erreichen heute infolge der angewachsenen erhöhten Mobilität und natürlich auch durch die neuen Medien, eine weltweite Öffentlichkeit.
Wissen und Erfahrung werden immer mehr Allgemeingut, wenn sie registriert, weitergegeben und zur Verfügung gestellt werden, wie Bibliotheken, Museen und viele weitere Dokumentationsstätten und Einrichtungen in aller Welt es uns zeigen.
Auch die Zeitzeugen gehören dazu, von denen hier die Rede sein wird und deren gesellschaftliche Bedeutung zunehmend wächst.

Zeugen ihrer Zeit
Zeitzeugen sind Zeugen selbst erlebter Geschichte oder auch Geschichten. Ihre Berichte beziehen sich auf eigene Erlebnisse, auf Ereignisse und Erinnerungen, die bereits Vergangenheit sind. Sie geben uns manche Antwort auf Fragen der Gegenwart, die in die Zukunft hinein wirken und wichtige Hinweise enthalten können. (Die Berichte sind immer subjektiv gefärbt).
Im Focus dieser Betrachtung stehen die Zeitzeugen der heute älteren und alten Generation, die Zeugen des zweiten Weltkriegs und der wechselvollen Nachkriegsjahre. Ihre Zeit nähert sich dem Ende zu, und nicht zuletzt deshalb sind ihre Erlebnisse, Erinnerungen und Berichte mehr denn je gefragt.
Die entsprechenden Dokumentationen und Veröffentlichungen nehmen laufend zu – und heute, mehr als 60 Jahre nach Kriegsende, werden auch die Fragen an die Zeitzeugen dringlicher, zum Beispiel: Wie hat die Zivilbevölkerung den Krieg erlebt (und erlitten), und welches sind die Folgen?

Zeitzeugnisse
Zeitzeugenberichte werden durch Wort und Bild veröffentlicht. Das Aufzeichnen und Dokumentieren persönlicher Erinnerungen ist nicht zuletzt durch Computer und Internet einfacher und die Ergebnisse leichter vermittelbar geworden.
Besondere Bedeutung wird den Zeitzeugenbegegnungen in Schulen und in der Jugendarbeit zugemessen. Persönliche Zeitzeugenberichte haben sich als wichtiger Bestandteil der historischen und politischen Bildungsarbeit erwiesen und bewährt.
Aber auch im Rahmen aktueller Problemthemen, wie Migration oder Globalisierung können Zeitzeugen in Gesprächen und Diskussionen wichtige Beiträge leisten, das Urteilvermögen schärfen, Verständnis bewirken.

Themen und Projekte
Zeitzeugenberichte sind Erlebnisberichte, die über die persönliche Sphäre hinaus von allgemeinem Interesse sein können. Zeitzeugen werden häufig motiviert, über solche Erlebnisse zu berichten, auszusagen, sich zur Verfügung zu stellen. Zu den Initiatoren zählen vor allem die Medien, Historiker, aber auch verschiedene andere Disziplinen der Wissenschaft und Forschung.
Die meisten Zeitzeugendokumentationen, Vorträge und Diskussionen beziehen sich auf historische Ereignisse , die einst persönlich erlebt und später – zumeist erst im Alter von den Betroffenen erinnert und mitgeteilt werden. Aber auch Erfahrungen und Erinnerungen im Rahmen zeittypischer Lebensweisen und Alltagskulturen oder orts- und berufsbezogene Erlebnisse werden häufig erfragt und bekundet.

Zeitzeugenbörse
„Wir organisieren und vernetzen Erinnerungsarbeit“ so stellt sich die Zeitzeugenbörse Berlin im Internet vor und fährt erklärend fort: „Eine Gesellschaft verarmt, wenn sie das Wissen und die Erfahrung älterer Menschen nicht nutzt, um die kritischen Fragen der jüngeren Generation zu beantworten. Ziel der Zeitzeugenbörse ist, die unendliche Vielfalt persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse, die jeder in sich trägt, zu sammeln und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“
Die Zeitzeugenbörse Berlin arbeitet seit 1993 daran, Zeitzeugen zu aktuellen Themen zu finden und sie mit denjenigen zusammenzubringen, die etwas über eine bestimmte Zeit oder einem speziellen Thema und Ort erfahren wollen. Dieses Ziel verbindet sie mit vielen anderen Zeitzeugenbörsen in der Bundesrepublik, die sich ebenfalls der Erinnerungsarbeit widmen.
Als Bundesmodell hat die Zeitzeugenbörse Berlin Methoden entwickelt, die Zeitzeugen auf ihre Aufgaben vorzubereiten.

Zeitzeugen-TV
Immer häufiger fließen Zeitzeugenberichte in die Arbeit des Hörfunks und des Fernsehens ein. Zeitzeugenthemen bestimmen mitunter den Inhalt ganzer Sendungen.
Zeitzeugen-TV versteht sich als eine audiovisuelle Quelle autobiografischen Erinnerns und macht deutlich, dass gerade die filmische Autobiografie das Verständnis von Geschichte nachhaltig fördern kann, „da sie die Reflexion von Erlebtem mit der emotionalen Authentizität des im bewegten Bild auftretenden und sprechenden Zeitzeugen verbindet. Sobald die Geschichte ihre Protagonisten hinter sich gelassen hat, droht sie ihren emotionalen Gehalt zu verlieren. Zwischen der 'erlebenden' und der 'nacherlebenden' Generation entsteht eine Gefühlskluft, die zu überbrücken eine der vornehmsten Aufgaben von Zeitzeugendokumentationen ist.“ 

Zeitzeugenarchiv
„Erinnerung als Verantwortung“ lautet der Leitgedanke des Zeitzeugenarchivs in Berlin.
Das Zeitzeugen-Archiv enthält Inhalte und Reflektionen von geschichtlichen Ereignissen des 20. Jahrhunderts aus unterschiedlichen Perspektiven. Erinnerungen, Berichte und Aufzeichnungen von Zeitzeugen, die Kriege und Revolutionen, Exil und Konzentrationslager erlitten haben, formen sich hier zu einem eindrucksvollen Bild der Epoche bis zum Zweiten Weltkrieg. Aber auch die Zeitzeugenberichte den 'Kalten Krieg’ und die 'Wiedervereinigung' betreffend haben hier ihren Platz gefunden, und nicht zuletzt: das Auseinanderbrechen der Sowjetunion.

Zusammenfassung
Zeitzeugen wirken mit an der Weitergabe von Wissen, von Erinnerung und Erfahrung. Über die persönliche Ebene hinaus hat die Vermittlung erlebter Geschichte vor allem gesellschaftliche Bedeutung.
Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes veröffentlichte das Goethe-Institut in Moskau ein Buch mit dem Titel „Was im Gedächtnis bleibt“ mit Zeitzeugenberichten von 38 deutschen und 45 SowjetbürgerInnen. Beide, ehemalige Feinde, finden sich vereint in dem zweisprachigen Buch, schildern ihre Kriegserlebnisse und den langen Abbau der Feindbilder.
„Dieses Buch ist unser gemeinsamer Versuch, aufeinander zuzugehen, indem wir viele Menschenschicksale kennen lernen“ lautet das Fazit des Herausgebers Pawel Fraenkel, und er fügt hinzu:
„All das war.
All das soll sich niemals wiederholen.
Das ist aber nur dann möglich, wenn wir das bewahren,
was im Gedächtnis bleibt.“

Weitere Informationen:
http://www.zeitzeugenberichte.de
htttp://www.zeitzeugen-tv.de
http://www.kriegskinder.de

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